Arbeitslosenblock


22.6.2013, Samstag, nachmittags und abends

Meine Liebe,
ich tigere durch die Wohnung und tue Dinge, nur um etwas zu tun. Und fünf Minuten später weiß ich schon nicht mehr, was es war. Ich gehe in ein anderes Zimmer, weil ich gedacht hatte, ich könne ja auch etwas Sinnvolles tun, aber dann stehe ich in Küche oder Büro und weiß schon nicht mehr, was es war. Ich stehe da wie bestellt und nicht abgeholt, weiß auch nicht, was ich als nächstes tun könnte.
Immerhin muß ich wohl Pullover gewaschen haben, denn die liegen feucht auf einem Wäschetrockner in der Kammer. Und vorher muß ich wohl die T-Shirts abgenommen haben, die ich gestern oder vorgestern gewaschen habe.
Ich weiß, daß ich beim Durchstreifen der Wohnung in Gedanken Briefe an Dich schreibe, immer wieder mit neuen Themen, aber dann setze ich mich an den Schreibtisch, um wirklich etwas zu schreiben, und mir fehlt eine Struktur in meinen wohl wirren Gedanken. Es gibt keinen Zusammenhang zwischen all den Dingen, die ich fragen und sagen will. Vielleicht ist ja jeder Briefentwurf doch nur zwei Sätze lang gewesen oder vielleicht auch einfach nur ein Wortfetzen, der sich in einer Unterhaltung gut gemacht hätte, vielleicht auch in einem konfusen Gedankengang. Aber wenn ich dann am Schreibtisch sitze, findet sich keine Ordnung, jedenfalls keine sprachliche.
Ich bin nicht wirklich verwirrt, auch wenn ich jetzt gefühlte zehn Minuten vor der neuen Seite saß, träumte und als ich den Füller öffnete schon wieder vergessen hatte, was ich schreiben wollte. Wäre ich nicht verliebt, wäre es vielleicht sinnvoll, mich untersuchen zu lassen, aber so ist die Welt eigentlich mehr als nur in Ordnung, und ich schreibe einfach auf, daß ich vergessen habe, was ich aufschreiben wollte. Das ist wahrscheinlich ein beliebter Trick von Schriftstellern, auch von denen die nicht verliebt sind, von denen, die einfach nur eine klassische Schreibblockade haben.
Vielleicht stehe ich ja das nächste Mal, wenn ich den Füller zumache, auf, gehe in die Küche, um mir Tee zu kochen und merke erst dann, daß die Tasse wahrscheinlich noch gefüllt auf dem Schreibtisch steht.
Aber vielleicht ist das sogar schon passiert...
Als ich vorhin mal ohne etwas zu schreiben am Schreibtisch saß, habe ich Deine Briefe noch einmal gelesen. Das „Komm!“ am Ende von „Trennung“ hat mich fast besoffen gemacht. Und auf die Frage „Wieso ich?“ fand ich plötzlich gar keine Antwort mehr, weil mir die Frage - entschuldige bitte - einfach nur vollkommen unsinnig vorkam.
Aber die Frage war wichtig. Sie hat mir gezeigt, daß wohl schon offensichtlich war, was ich erst später bekannte. Vielleicht hat die Frage mir erst den Mut gegeben. Bestimmt waren in den Briefen noch andere wunderbare Stellen, vielleicht ist jedes einzelne Adjektiv schon wunderbar. Ich weiß es nicht, will es jetzt auch gar nicht wissen, will nämlich Deine Briefe gar nicht auswendig kennen, will bei jedem neuen Lesen Neues entdecken.
Und noch ein paar Dinge waren mir durch den Kopf gegangen. Ich glaube, es ging um die Zeit, wie die Briefe alles langsamer machen und die Entfernung, die sie überbrücken müssen, alles beschleunigt. Das klingt paradox und vielleicht ist es unsagbar dumm, aber ich will den Gedanken zumindest kurz verfolgen.
Es hatte keinen Sinn, auf ein zufälliges Wiedersehen zu hoffen. Das hätte es nicht gegeben, jedenfalls nicht in absehbarer Zeit. Wir verabreden uns nicht ganz unverfänglich zum Kino, gehen nicht zusammen essen und wiederholen es nicht gelegentlich und warten nicht auf eine zufällige Berührung, auf eine Zärtlichkeit, die weniger zufällig ist. Also welchen Sinn hätte es gehabt, abzuwarten, zurückhaltend zu sein, den Abstand zwischen den Briefen zu vergrößern oder länger um den heißen Brei herum zu reden? Wegen der Entfernung müssen wir auf Briefe warten, aber vielleicht hat dieses Warten im Kleinen dafür gesorgt, daß sich das große Ganze beschleunigte. Das Warten auf die Briefe hat meine Ungeduld erhöht, so daß ich es nicht mehr ausgehalten habe, das Offensichtliche nicht auszusprechen. Wären die Briefe vom einen auf den anderen Tag da, dann wäre die Sehnsucht vielleicht geringer gewesen, und vielleicht auch dann, wenn wir uns täglich gesehen hätten. So hat vielleicht das Warten alles beschleunigt. Das klingt jetzt vielleicht weniger dumm, aber ich weiß nicht - die vielen Vielleichts zeugen davon -, ob es stimmt.
Und jetzt, da ich von der Zeit gefaselt habe, erinnere ich mich an noch eine Stelle aus Deinen Briefen:
Nach so kurzer Zeit.
Nach so wenigen Augenblicken.
Das stammt aus Deinem ersten Brief, aber erst jetzt ist das bei mir so richtig angekommen. Du hast keine Fragezeichen gesetzt, sondern Punkte. Und genau so ist es, ohne Frage. Das ist so schön!
Es gibt schon viele Vielleichts und einige Bekenntnisse zur Unwissenheit in diesem Brief, aber ich habe sogar zum Schluß noch mehr Unwissenheit. Ich weiß nämlich nicht, mit welchem Gruß ich diesen Liebesbrief abschließen kann, um ihm noch mehr Liebe einzuhauchen. Und deshalb bin ich mal wieder frech und hoffe, den Gruß wegzulassen, wird dem Brief gerechter als eine Formel aus Worten, die nicht mehr sagen können als ich schon gesagt habe...
Alexander

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