Arbeitslosenblock


17.12.2013, Dienstag, vormittags

Liebe Dini, meine Liebe, mein Sonnenschein!
Erinnerst Du Dich an die Steckerlfischepisode aus dem Sommer? Du hattest eines Tages einen Grill und Steckerlfisch gerochen und wolltest dann an einem anderen Tag, als wir von der Alten Donau kamen, am Kanal welchen essen. Wir haben den Stand gefunden, aber es roch nicht nach Fisch und es gab ihn auch nicht. Wenn ein geliebter Mensch enttäuscht ist, neige ich dazu, zu versuchen, die Enttäuschung zu lindern, vergessen zu machen, zu trösten. Das klappt meistens nicht, und ich lerne erst langsam, daß die Enttäuschung Zeit braucht, um vergessen zu werden. Deine Enttäuschung war Dir anzumerken. Dich hat nicht nur geärgert, keinen Steckerlfisch bekommen zu haben, sondern auch, daß der Plan nicht funktioniert hat. Du hast sogar gesagt, daß Du sehr schlechte Laune bekommst, wenn ein Plan nicht funktioniert. Du warst sehr bestimmt, und ich habe gar nicht erst versucht, Dich zu trösten. Außerdem fand ich Dich auch in dieser Stimmung, die ich von Dir noch nicht kannte, absolut hinreißend... Wir haben dann doch noch herrlich gegessen, und Deine Laune hat sich schnell gebessert.
Vor etwa zwei Wochen hatte ich die Idee, Dir zu Weihnachten einen von Elas Bunnies zu schicken. Da sie Dich inzwischen auch ein bißchen kennt, wollte ich ihn zusammen mit ihr aussuchen. Sie war gerade wieder bei ihren Eltern, also wartete ich bis zum Wochenende. Wir suchten den Bunny aus, und Ela beschloß, sich am Geschenk zu beteiligen. Daraufhin wollte ich, daß wir ihn zusammen verpacken und abschicken. Da an dem Wochenende keine Zeit mehr war und sie während der Woche bei ihren Eltern sein wollte, beschlossen wir, das gleich anzugehen, wenn sie wieder hier sein würde. Da war der Plan noch, daß sie am Freitag zurückkommen würde. Ich hatte den Wunsch, das Packerl dann gleich am Samstag zur Post zu bringen. Dann sollte es eigentlich ankommen, bevor Du in die Feiertage aufbrichst. Ela beschloß, nicht schon am Freitag zu kommen, sondern erst am Sonntag. Nun ja, wenn das Packerl am Montag auf die Reise gehen würde, wäre das vermutlich auch noch früh genug. Aber ich wurde trotzdem etwas unruhig. Mir war wichtig, daß es Dich rechtzeitig erreicht. Sicher war das mit dem neuen Plan aber nicht mehr. Inzwischen gibt es einen aktualisierten Plan. Elas Bruder ist nach Großräschen gefahren und Ela hat nun für die Rückfahrt eine Mitfahrgelegenheit, ist aber auch etwas von ihr abhängig. Gestern ist sie nicht gekommen, also wird sie heute kommen, denn irgendwann im Laufe des Tages reiten hier backwütige Frauen ein, mit denen Ela sich verabredet hat. Ich vermute, Hanne, K______ und Xiaoyu kommen. Wann weiß ich nicht, aber ich befürchte, auch heute geht der Bunny nicht auf die Reise. Selbst wenn es morgen losgeht und dann alles perfekt läuft, dann würde er erst am Freitag ankommen. Und vielleicht brichst Du schon am Freitag in den Weihnachtsurlaub auf. Und dann würde der Bunny vielleicht doch Weihnachten über alleine, mit wenig Luft und Proviant in der Kälte des Postamts sein müssen. Und Du würdest Dich vielleicht fragen, was aus meiner Ankündigung geworden ist, noch vor Weihnachten zu schreiben. Und dann, wenn Du auch zum Jahreswechsel verreist bist, dann wird der Bunny eventuell wieder zurückgeschickt, und Du findest nur eine Benachrichtigung vor, daß da etwas gewesen ist.
„Entspann Dich!“ höre ich Ela sagen, obwohl sie noch hundertdreißig Kilometer entfernt ist. Aber das geht nicht. Mir ist das Gelingen meines Plans wichtig und die Aussicht, daß er nicht gelingt, frustriert mich. Ich hoffe immer noch, daß durch einen glücklichen Zufall alles gut ausgeht. Und wenn nicht, dann bleibt dem Bunny immer dieses „hätte“ anhaften. Es hätte alles perfekt geklappt, hätte es nicht die Umstände gegeben, die dem Plan keine Chance ließen. Das Schicksal so vieler armer Pläne.
Irgendwann, und jetzt bin ich wieder bei der Steckerlfischepisode, wird auch trotz gescheiterten Plans alles wieder gut. Bestimmt.
Heute werden also Plätzchen gebacken und danach geht es für mich mental schon auf die Reise nach Rinteln, Freitag dann auch körperlich. Falls ich über die Feiertage die Ruhe dazu habe, schließe ich den Arbeitslosenblock und werde ihn in den Tagen darauf komplett lesen. Das wird vermutlich sehr eigenartig. In diesem Jahre ist so viel passiert und hat sich so viel geändert!
Ich schicke Dir dann, wenn ich ihn einmal durchgelesen habe, einen Ausdruck. Ich erspare mir deshalb jetzt auch die Schilderung von seltsam verlaufenden Bewerbungen und Plänen für die Zukunft. Es gibt sicherlich auch ganz viel, das ich nicht aufgeschrieben habe, das mir erst beim Lesen des gesamten Textes auffällt, aber das findet dann vielleicht den Weg in einen Brief.
Der Arbeitslosenblock wird dann abgeschlossen sein, für mich fast schon Geschichte sein. Ob ich ihn veröffentliche, erscheint mir inzwischen gar nicht mehr wichtig. Daß ich ihn geschrieben habe und ein Tagebuch dieses verrückten Jahrs habe, ist mir wichtig. Veröffentlichen möchte ich ihn nur, wenn Du es auch möchtest. Du hast zwar schon gesagt, ich solle ihn veröffentlichen, aber vielleicht änderst Du ja Deine Meinung, wenn Du den gesamten Text liest, all die Stellen, die Du schon kennst, in einem anderen Zusammenhang siehst. Du spielst eine wichtige Rolle und ich fände es schön, ein Votum von Dir zu hören. Laß Dir ruhig Zeit damit. Die Mühlen im Verlagswesen mahlen langsam und es kommt vermutlich nicht darauf an, ob das Manuskript ein paar Wochen oder Monate früher oder später bei Verlagen liegt. Und vermutlich kommt es auch nicht darauf an, ob es überhaupt bei irgendwelchen Verlagen liegt.
Der Block wird mir beim Lesen viel über dieses Jahr verraten. Zurzeit ist es für mich ein sehr aufregendes Jahr, vermutlich das spannendste Jahr meines Lebens, und trotz einiger Verluste und Verwirrungen das schönste Jahr bisher.
Und wie war es bei Dir, wie war Dein Jahr, bist Du zufrieden? Gibt es keine einfache Antwort, keine eindeutige? Vielleicht schaust Du ja einfach in den Spiegel, lächelst und sagst Dir „Ich habe einen Menschen getroffen, sein Herz zum Hüpfen gebracht und ihn zu Tränen gerührt. Das ist doch was!“ Recht hättest Du. Und würdest Du das Wort „glücklich“ benutzen wie ich es tue, dann könntest Du ruhig sagen „Ich habe ihn glücklich gemacht.“
Frohe Weihnachten und
allerliebste Grüße!
Alexander
Eins habe ich dieses Jahr nicht geschafft. Ich habe keinen Briefschluß gefunden, der meine Gefühle auch nur ansatzweise zum Ausdruck bringt und dabei einen Bogen um den strapazierten Drei-Wort-Satz macht. Ich mag Vorsätze fürs neue Jahr nicht besonders, aber vielleicht ist ja das Finden eines wirklich passenden und guten Briefschlusses mal eine Herausforderung. Bis dahin bleibe ich beim passenden aber nicht besonders inspirierten
Ich liebe Dich!
Alexander

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von Gregor Alexander Piel · Programmversion 1.2.6 (21.9.2015)
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