Arbeitslosenblock


13.8.2013, Dienstag, abends

Liebe Dini - meine Liebe!
Über die Deutsche Post habe ich mich fürchterlich aufgeregt, aber vermutlich kam das einfach zur falschen Zeit. Oder zur richtigen, wenn ich es denn darauf angelegt hätte, mich aufregen zu wollen. In den letzten Tagen haben sich lauter Kleinigkeiten angesammelt und dieser Rückläufer hat einfach das Faß zum Überlaufen gebracht.
Wenn ich zu meinen Eltern fahre, nehme ich in der Regel eine direkte Verbindung nach Minden und dort holen sie mich ab. Das geht viel schneller als mit ein- oder zweimal Umsteigen nach Rinteln zu fahren. Für das erste Septemberwochenende finde ich aber keine direkte Verbindung nach Minden. Bei allen angebotenen Verbindungen müßte ich mindestens einmal umsteigen und sie dauern mindestens eine Stunde länger als bisher. Ich dachte mir, wenn ich eh schon umsteigen muß, dann wäre vielleicht eine Verbindung nach Bückeburg besser. Das liegt auf der Strecke vor Minden und ist näher an Rinteln, aber die schnellsten Verbindungen nach Bückeburg führen zuerst nach Minden und dann wieder zurück. Verbindungen ohne Umweg dauern seltsamerweise noch länger. Mit den Verbindungen nach Bückeburg könnten dann sogar schon wieder die Verbindungen nach Rinteln konkurrieren.
Darauf angesprochen, würde die Bahn vermutlich Flutschäden als Begründung angeben, aber ich glaube nicht, daß die unvermeidlich zu solchen Entgleisungen des Fahrplans führen müssen. Die Bahn hat immer gute Ausreden. Im Winter schneit es ganz unerwartet, im Frühjahr sind es Überschwemmungen und im Sommer ist es warm, was die Klimaanlagen nicht verkraften. Im Herbst besteht mal die Chance, daß es ein paar Tage lang keinen Sturm gibt. Die erste Oktoberhälfte ist vielleicht die ideale Reisezeit, jedenfalls wenn man mit der Bahn verreisen möchte. Man sollte einfach alle Feiertage, Geburtstage und alle Anlässe, die mit einer Reise verbunden sein könnten in die erste Oktoberhälfte legen. Und wenn es dann doch mal einen Sturm gibt, dann hat es einfach nicht sollen sein.
Der Vorschlag klingt radikal, kann es aber gar nicht sein, denn den hat mir mal eine Mitarbeiterin der Bahn unterbreitet als wir kurz vor irgendeinem Weihnachten und Kaff stundenlang auf freier Strecke standen und wir selbst im Bistrowagen nicht genug Platz hatten, auf dem Boden zu sitzen.
Vielleicht wären ja die Überschwemmungsschäden durch ordentliches - nicht sparsames - Bauen zu verhindern gewesen, so wie man auch Züge bauen kann, die bei Schneefall fahren können, oder Klimaanlagen, die funktionieren, wenn man sie braucht, die nicht einfach mal vollkommen nutzlos bei einer Außentemperatur von 22 Grad einen ICE auf 17 Grad herunterfrieren. Nomen muß nicht immer gleich Omen sein.
Das aktuelle Chaos am Mainzer Bahnhof ist jedoch entschuldbar. Daß Angestellte Urlaub machen wollen, kommt so selten vor, besonders in den Sommerferien, daß vermutlich ein Chef so überrumpelt war, daß er nur noch „ja, ja“ gesagt hat. Daß die Leute dann auch wirklich nicht da sind, konnte ja niemand ahnen.
Hatte ich die Geschichte erzählt, daß die Bahn mir, nachdem ich mir irgendwann eine neue BahnCard gekauft hatte, einen Gutschein für den vergünstigten Kauf einer neuen BahnCard zugeschickt hat, der natürlich nicht übertragbar war und auch nur so kurz gültig war, daß die gerade gekaufte BahnCard deutlich länger haltbar war?
„Bahnchef“ Mehdorn war ja nicht nur bei der Bahn tätig, sondern auch bei airberlin. Bei denen habe ich nach meiner Rückkehr aus Wien eine Bonuskarte beantragt, ohne zu wissen, ob ich überhaupt etwas davon habe. Der Anmeldevorgang endete mit einer sinnleeren Meldung, die eine verunglückte Fehlermeldung gewesen sein könnte. Auch versprochene Bonusmeilen für den Empfang eines Newsletters, den ich „bestellt“ hatte, waren mir nicht gutgeschrieben worden. Allerdings schien doch etwas angelegt worden zu sein. Ich wollte meine letzten Wienreisen nachtragen lassen und hatte auch mit der jüngeren Erfolg. Zu der aus dem April wurde mir angezeigt, ich solle mich mit weiteren Unterlagen an den Service wenden. Dem schickte ich also meine Buchungsbestätigung und bekam nach zwei Tagen die Rückmeldung, daß die Aprilreise länger als drei Monate zurückliegen würde und nicht mehr zur nachträglichen Meilengutschrift genutzt werden könne. Warum sagt mir dann die dösige Internetseite, ich solle Unterlagen nachreichen? Dort hatte ich bereits die Flugtermine angegeben, und es gibt sogar eine Meldekategorie wegen Fristüberschreitung. Ich habe mich über die unnötige Arbeit auf beiden Seiten geärgert und auch darüber, daß airberlin nicht so kulant ist, vermutlich wertlose Bonusmeilen bei einer Fristüberschreitung von etwa zwei Wochen zu gewähren. Wer katholischer ist als der Papst sollte als Fluggesellschaft wenigstens auch pünktlich fliegen und nicht auf dem Hinflug 80 Minuten Verspätung und auf dem Rückflug fast 120 Minuten Verspätung einfach weglächeln.
Kugelst Du Dich schon vor Lachen wegen meiner Verbohrtheit oder Anspruchshaltung? Recht hättest Du, natürlich ist das lächerlich, jedenfalls für alle außer dem Betroffenen, aber wenn sich solche Vorkommnisse häufen, dann möchte ich der ganzen modernen, maroden Dienstleistungswelt am liebsten den Stinkefinder zeigen und irgendwie vor ihr fliehen. Aber kann man das überhaupt noch?
Post, Bahn, Fluglinie. Fehlt noch etwas? Ja, natürlich, eine Telefongesellschaft, meine Telefongesellschaft. Von der Telekom habe ich mich schon vor Jahren verabschiedet. Damals hatte sie mir über Monate die Grundgebühr doppelt in Rechnung gestellt und mir den Anschluß gesperrt als ich gegen die falschen Rechnungen Einspruch eingelegt hatte und die Grundgebühr nur einfach bezahlte habe. Gebühren für Mahnungen und das Entsperren sollte ich auch zahlen. Der Laden hat nicht eingesehen, einen Fehler gemacht zu haben, jedoch trotzdem die Rechnungen geändert. Zurückzahlen wollten sie nichts, so daß ich einfach solange keine Rechnungen mehr bezahlt habe, bis ich nach meiner Rechnung mit denen quitt war. Als ich dann umgezogen bin, wollte ich auf den Laden ganz verzichten, auch nicht über Umwege etwas mit ihm zu tun haben. Also laufen meine Internetverbindung und mein Telefon über das Fernsehkabel. Das funktioniert nicht immer gut, aber vermutlich besser als bei den Telekomikern. Auch meine Handyverbindung ist ein von Kabel Deutschland vermarkteter O2-Anschluß. Leider ist deren (der von KD) Internetpräsenz eine Zumutung. Man hat haufenweise Kunden- und Vertragsnummern und muß für unterschiedliche Dinge unterschiedliche von diesen Nummern benutzen. Auch Kennwörter werden nicht zentral verwaltet. Und sie werden auch einfach mal spontan ungültig oder das Anmelden beim eigenen Account scheitert.
Am Donnerstag bekam ich per Mail die Mitteilung, eine neue Handy-Rechnung würde vorliegen und ich könne sie über das Kundenportal einsehen. Der Mail ist weder die Rechnung (vermutlich aus „Sicherheitsgründen“) angehängt noch wird der Rechnungsbetrag genannt (vermutlich aus Faulheit). Da ich neugierig war, ob der Betrag wie üblich lächerlich klein war, oder durch irgendwelche Roamingkosten, die ich durch eine österreichische Wertkarte wohl weitestgehend vermieden habe, doch etwas höher war, wollte ich mich beim Kundenportal anmelden und die Rechnung einsehen. Ich gab die Kundennummer ein, die ich für dieses Kundenportal brauche und auch mein Kennwort. Das wurde abgelehnt. Ich dachte, ich hätte mich vertippt und versuchte es wieder. Es wurde wieder abgelehnt. Weil ich mich dort nur selten anmelden, denn Rechnungen bekomme ich nur, wenn sich ein abrechnenswerter Betrag angesammelt hat, was bei mir Monate dauern kann, dachte ich, ich würde das falsche Kennwort benutzen, hätte das richtige vergessen, und probierte andere - man hat ja nahezu unendlich viele -, allerdings funktionierte keins. Ich habe auch noch mal das probiert, das ich für das richtige hielt. Es versagte wieder. Also wollte ich mir ein neues schicken lassen. Dafür sollte ich meine Telefonnummer angeben. Die wurde auch nicht erkannt, wurde als „ungültig“ bezeichnet. Ich dachte, die Seite sei vermutlich schlecht programmiert und die Abfrage würde die Telefonnummer in einem bestimmten Format erwarten, das Format aber nicht verraten. Also probierte ich verschiedene Varianten, mit führender Null, ohne führende Null, mit Landeskennzahl etc. Alles half nichts. Meine Telefonnummer war „ungültig“. Ich griff zu einem Telefon und rief die „ungültige“ Nummer an. Es klingelte. „Ungültig“ war also Auslegungssache. Ich hätte den Laden anrufen können, aber man kann Telefongesellschaften, selbst wenn man eine Flatrate hat, vermutlich nie kostenlos anrufen, denn schließlich verdienen die mit schlechtem Service gutes Geld. Also schrieb ich eine Mail. (Warum ist eigentlich noch niemand auf die Idee gekommen, Mails mit Gebühren zu belegen?) Heute, also nach fünf Tagen, kam dann die Antwort. „Leider war das Einloggen in das Kundenportal aufgrund eines technischen Fehlers nicht möglich.“ Und warum lautete dann die Fehlermeldung, mein Kennwort sei falsch oder die von mir angegebene Telefonnummer sei ungültig? Weil im Zweifelsfall immer der Kunde den Fehler macht? Ja, natürlich, der Kunde macht immer wieder den Fehler, Kunde zu sein.
Ist es jetzt nachvollziehbar, daß ich dann, nach diesen Geschichten der letzten Tage, bei dem Postvorfall übergeschäumt bin?
Die Regenwahrscheinlichkeit war für jede einzelne Stunde heute mit „0%“ angegeben, also gab es immer mal wieder Schauer, teilweise wolkenbruchartig. Vermutlich war es eine gerundete Null und eigentlich lag die Wahrscheinlichkeit bei 0,4%. Null ist halt nicht immer wirklich null. Und alles über null kann einen fürchterlich naß machen. Ich glaubte der Null nicht, sondern meinem Blick gen Himmel und nutzte die Bedrohung, um der Post eine Mail zu schreiben. Ob ich von denen wohl eine Antwort bekomme?
Als der Himmel freundlicher wurde fuhr ich wie eine gesenkte Sau zu dem Laden, in dem ich die Drucke beauftragen wollte. Ich befürchtete keine neuen Schauer, wollte einfach nur Wut wegfahren. Und das tat so gut. Das Knie spielte mit und ich wurde haufenweise schlechte Energie los.
Frau Stettin telefonierte gerade, bat dafür um Entschuldigung und sprach mich sogar mit „Herr Piel“ an. Das gefällt mir. Sie erinnert sich an mich, erkennt mich wieder, kann sich an meinen Namen erinnern und kennt sogar inzwischen meinen Stil, meine Vorlieben und weiß wie ich zu den abstrakten Ergebnissen komme. Nach all den negativen Dienstleistungserlebnissen bin ich aus dem eicie-Laden in der Dunckerstraße als fast glücklicher Mensch gekommen. Meine gute Grundstimmung ist also doch noch vorhanden und ich muß die schlechten Dinge der letzten Tage einfach mal abhaken.
Sollte es morgen stimmungsmäßig wieder etwas trüber aussehen, dann setze ich mich einfach aufs Rad und rase durch die Stadt bis mir der Arsch wehtut oder mir die Luft wegbleibt. Die Wiener Streetart-Fotos habe ich heute schon auf die Internetseite gestellt, so daß ich morgen wirklich Zeit hätte, durch die Stadt zu düsen. Vielleicht kaufe ich ja schon Haken für die Bilder, die am Freitag fertig sind. Abends kommen auf jeden Fall Hanne und Xiaoyu zum Essen.
Sitzt Du gerade im Bett, hast Dich von Deinem Lachkrampf erholt und denkst Dir jetzt nur noch „Dieser Idiot!“? Denk das ruhig, denn vielleicht wird ja in der Wiederholung ein „Liebenswerter Idiot!“ draus. Und damit Du dann noch mehr über mich lachen kannst, suche ich in den nächsten Tagen, das könnte eine Aufgabe für einen Teil des Donnerstags werden, mal wie versprochen meine alten Kontaktanzeigen raus. Das wird ein Spaß - für Dich!
Meine Laune hat sich deutlich gebessert, aber der Gruß aus der Nachmittagsmail paßt immer noch:
Ich liebe und vermisse Dich - nicht nur an Tagen wie diesen!
Alexander

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von Gregor Alexander Piel · Programmversion 1.2.6 (21.9.2015)
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